Geschichten von Susanne Spieß
Das zweite Königreich
Es lebte einmal vor langer langer Zeit, nämlich vor kurzem, in einem herrlichen
Kaiserreich ein weiser König. Dieser König regierte sein Reich stilvoll, offen und engagiert. So war es nur selbstverständlich, dass die Bewohner seines Landes ein Vorbild in ihm sahen. Ein Vorbild nicht
nur in Friedenszeiten, sondern auch in Zeiten der Ärgernis. Denn der König besaß die seltene Gabe immer wieder neu auf Menschen zuzugehen und einen neuen Anfang zu machen. Eine Gabe, die sich noch einmal
als sehr wichtig für ihn herausstellen sollte. Wieso? Das erzählt diese Geschichte.
Schon seit einiger Zeit spürte der weise König, dass in ihm ein Entschluss heranreifte.
Eines Tages war er zur Jagd. Die Vögel sangen, es war angenehm warm und der moosige, frische Duft des Waldes erfüllte die Luft. Da fühlte der König mit einem Male ganz
deutlich, dass es an der Zeit war sein Amt niederzulegen. Dieser Gedanke rief Erleichterung und Traurigkeit zugleich in ihm hervor. Auch ein bisschen Neugier war da und ein klein wenig Bangigkeit, vor
seinem eigenen Mut.
Alsbald ging er zu seinem Kaiser, um ihm von seinem Entschluss zu berichten. Dieser entließ ihn auf seine Bitte hin aus seinem Amte.
Die Bewohner seines Reiches bedauerten seine Entscheidung, denn die klugen, weisen und kreativen Ratschlüsse ihres Königs waren ihnen lieb geworden. So gaben sie sich alle
Mühe, ihrem Landesvater einen wahrhaft königlichen Abschied angedeihen zu lassen.
Nun war der König kein König mehr.
Wieder einmal war er zur Jagd, einer seiner Lieblingsbeschäftigungen. Bald kam er an eine Stelle, an der er noch nie zuvor gewesen war, obwohl er doch glaubte diesen Wald wie
seine eigene Westentasche zu kennen. Hier schien es irgendwie grüner zu sein als anderswo und lichter. Auch die Vögel trällerten hier fröhlicher und die Luft roch wie nach wildem Honig. Es war angenehm
warm und zugleich wundervoll kühl. So zauberhaft war dieser Ort, dass der ehemalige König sich niederließ um die besondere, beglückende Atmosphäre zu genießen. Bald darauf geriet er in einen Zustand, der
halb Schlaf, halb Traum, halb Wachsein war. Ein Zustand in dem ihm alles möglich zu sein schien. In diesem wachen Traum-Schlaf vermeinte er plötzlich am Rande einer Klippe zu stehen. Auch eine Stimme war
nun zu hören. Diese lud ihn ein hinabzublicken.
Der König leistete dem Folge und sah ein großes, weites, braches Land voller schwerer, fetter, fruchtbarer Erde.
Die Stimme fuhr fort: „Nun, was willst du pflanzen in deinem zweiten Königreich?“
„In meinem zweiten Königreich“, fragte der Mann erstaunt, verwundert und zugleich etwas aufgeregt.
„Ja in deinem zweiten Königreich“, bekräftigte die Stimme. „Hier kannst du all das anbauen, was dir für dein weiteres Leben, für deinen Neubeginn wichtig ist.“
Der ehemalige alte und bald neue König zögerte nun nicht länger. Sogleich entstanden die wundervollsten Ideen, die er nun leben und in seinem Lebensacker pflanzen wollte. Mit
jeder Idee, die entstand, sah er diese sogleich auf seinem neuen Feld erblühen. Ganz tief in sich spürte er, dass jede von ihnen reiche Frucht tragen würde.
Wie die Geschichte von dem König, dem ein zweites Königreich zu Teil wurde, weiterging? Ganz einfach: Er lebte ein glückliches und erfülltes Leben. Glücklicher als er es
ehedem je für möglich gehalten hätte.
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